"Jesus Christus" in Langschrift und Stiefografie

Rationelle Stenografie (Stiefografie)

Was ist Stenografie?

“Stenografie” heißt “Kurzschrift”, vom Griechischen στενός stenos „eng“ und γράφειν graphein „schreiben“. Jede Konvention, eine Schrift zu “kürzen”, kann als Kurzschrift bezeichnet werden. Es gibt daher nicht die eine Stenografie, sondern viele verschiedene Arten.

Welche Kurzschriften gibt es?

Bei bekannten Kurzschriften im englischsprachigen Raum bestehen die Zeichen oft aus geometrischen Formen wie Rechtecken und Kreisen. Im deutschsprachigen Raum sind laut Wikipedia-Artikel “Stenografie” ca. 800-900 “Kurzschriften” bekannt. Bei den bekanntesten Vertretern ähneln die Zeichen denen der lateinischen Schreibschrift. In den 1930er Jahren wurde die “Deutsche Einheits-Kurzschrift” (DEK) definiert, die dann bis in die 1970er Jahre etwa in einer kaufmännischen Ausbildung gelernt werden musste. 1964 entwarf Helmut Stief die einfachere “rationelle Kurschrift” (nach ihm auch “Stiefografie” genannt). Sie wird bis heute an Volkshochschulen unterrichtet.

Was bringt Stenografie?

Ich sehe Stenografie auf einer Ebene mit dem 10-Finger-Systems fürs Maschinenschreiben: es ist eine nützliche Fertigkeit, die eine häufig verrichtete Arbeit vereinfacht und beschleunigt.

Hin und wieder möchte ich am Telefon oder in einer Besprechung handschriftlich mitschreiben, was gesprochen wird. Ich kann aber nicht schnell genug schreiben, und das Ergebnis kann ich später nur schwer entziffern. Die Stenografie soll helfen, schnell genug zu schreiben (sobald ich viel geübt habe) und das Ergebnis auch wieder entziffern zu können (sobald ich noch mehr geübt habe). Zur Zeit bin ich noch am Üben…

Von Helmut Stief wird berichtet, er habe 480 Silben Stenografie pro Minute geschrieben (Welthöchstleistung 1928-1962). Er hätte angeblich noch schneller schreiben können, fand aber niemand, der überhaupt so schnell sprechen konnte.

Was bringt Stenografie nicht?

Die Deutsche Einheits-Kurzschrift und die Stiefografie lassen einige Dinge weg:

  • Groß- und Kleinschreibung werden nicht unterschieden;
  • die üblichen Rechtschreibregeln gelten nicht, da die Kurzschrift nicht alle einzelnen Zeichen der “Langschrift” wiedergibt;
  • deshalb ist Kurzschrift nicht immer eindeutig (z.B. “Mann” = “man”);
  • Kurzschrift braucht mehr Platz: die Zeilen der Kurzschrift sind höher, weil Zeichen höher und tiefer gesetzt werden, auch werden einzelne Zeichen in der Zeile weiter auseinander geschrieben als in der Langschrift;
  • Kurzschrift ist nicht für alle Sprachen gleich geeignet: sie fasst typische Zeichenfolgen der Sprache zu einem Zeichen zusammen, ist also für eine bestimmte Sprache optimiert.

Was unterscheidet Deutsche Einheits-Kurzschrift (DEK) und Stiefografie?

  • DEK nutzt vier verschiedene Höhen von Zeichen, Stiefografie nur zwei
  • DEK nutzt als Unterscheidungsmerkmal, ein Zeichen dicker zu schreiben, Stiefografie nicht
  • DEK enthält bereits in der einfachsten Stufe ca. 50 Abkürzungen, Stiefografie nur 8 (eine Abkürzung ist ein spezielles Zeichen für mehrere Langschrift-Buchstaben)
  • für DEK gibt es einige Lehrbücher, für Stiefografie gibt es nur wenig aktuelle Informationen

Damit ist die DEK

  • schwieriger zu lernen (ich hab’s aufgegeben)
  • aber wenn man’s mal kann, bereits in der einfachsten Stufe schneller zu schreiben

Empfehlung: Stiefografie

Versuche mit der Deutschen Einheitskurzschrift

Bereits Ende der 1990er Jahre hatte ich das Buch von Hanns Kaus: “Stenografie im Selbstunterricht” (Falken-Verlag 1996) gekauft und viel geübt. Ich brachte es nie so weit, im Alltag Steno zu schreiben:

  • Striche fett zu schreiben und den Unterschied beim Lesen wieder zu erkennen ist sehr schwierig. Geübte mögen es mit einem passend gespitzten Bleistift mit passendem Härtegrad schaffen. Aber mit dem Kugelschreiber, den ich immer dabei habe, schaffe ich das nicht.
  • Vier verschiedene Höhen von Zeichen sind schwer zu unterscheiden.
  • Die vielen Abkürzungen konnte ich mir nicht merken.

Neuer Anlauf mit der Stiefografie

Mit unserer Tochter Tabea unternahm ich einen neuen Anlauf, die DEK zu lernen. Dabei stieß ich im Internet auf die Stiefografie. Sie wird in einigen Internetseiten ausführlich beschrieben. In der Stiefografie ist es einfach, die ersten Wörter zu schreiben und wieder zu entziffern. Nun üben wir schon eine Weile.

Im Alltag gebrauchen kann ich eine Schrift allerdings erst, wenn ich Wörter “automatisch” (ohne Nachdenken) schreiben und auch schnell genug wieder lesen kann. Das braucht noch viel Übung – die lateinische Langschrift lernen Kinder ja auch in mehreren Jahren!

Ich finde es faszinierend, wie ich in einem Langschrift-Buch eine Seite “überfliegen” und dabei viele Inhalte aufnehmen kann. Wenn ich ein Blatt Kurzschrift überfliege, nehme ich noch gar nichts auf. So kann ich mir vorstellen, wie schwierig es für Erwachsene sein muss, etwa durch die Arbeit der Wycliff-Bibelübersetzer erstmals eine Schrift zu lernen.

Aufbauschrift?

“Aufbauschriften” (für Stenografie oder Stiefografie) verwenden in mehreren Stufen…

  • Abkürzungen: zusätzliche Zeichen, die z.B. ganze Langschrift-Silben durch nur ein Zeichen wiedergeben;
  • Auslassungen: z.B. Endungen wie “schaft” oder “ung” werden einfach weggelassen.

In tabellarischen Gegenüberstellungen und YouTube-Videos sehen Texte in einer Aufbauschrift beeindruckend kurz aus.

Nachteile von Aufbauschriften:

  • zusätzliche Konventionen lernen,
  • das Lesen (oder Rätseln, je nachdem) wird schwieriger.

Im Folgenden gehe ich auf die Aufbauschriften nicht ein.

Wie funktioniert Stiefografie?

Anleitungen im Internet

Papier zum Üben

  • Für den Einstieg: Stiefopapier 11 Zeilen pro Blatt mit Rauten, als .pdf-Datei zum Ausdrucken (erstellt von unserer Tochter Tabea, public domain).
  • Wenn Sie gern kleiner schreiben: dasselbe Papier mit 16 Zeilen und 21 Zeilen.
  • Schwieriger: kariertes Papier
  • Stenografie-Papier von papersnake.de (nur Linien, keine Rauten; siehe Weblink unten).

Mein Stiefografie-Spickzettel

Anleitung Stiefografie
(Zeichen aus klartraumforum.de, alphabetisch sortiert)

Die Stiefografie-Regeln kurz zusammengefasst

  • Groß- und Kleinschreibung werden nicht unterschieden;
  • die Kurzschrift gibt nicht alle einzelnen Zeichen der “Langschrift” wieder, z.B. nn = n, ieh = i, v = f
  • die Wörter werden so geschrieben, wie sie gesprochen werden:
    man sit den wolstand und fortschrit
  • Satzzeichen? Ich persönlich schreibe sie wie in der Langschrift.
  • es gibt eine Grundlinie und darüber zwei “Stufen” Grafik: drei Linien
  • ein Konsonant
    • wird von oben nach unten geschrieben,
    • beginnt am Wortanfang auf der zweiten oder ersten Stufe und endet auf der Grundlinie
    • ist entweder zwei b oder eine t “Stufe” hoch,
    • benötigt horizontal keine (“t”), eine (“r”) oder zwei (“j”) Breiten: trj
    • wird gerade oder schräg nach rechts unten geschrieben
    • hat am Anfang und Ende des Striches jeweils eine bestimmte Form (rund, eckig, Schleife)
    • Doppelkonsonanten können durch einen darüber geschriebenen Strich wiedergegeben werden
    • “v”, “nt”, “nk” können jeweils von “f”, “nd”, “ng” durch einen darüber geschriebenen Strich unterschieden werden
    • einzelne Konsonanten können am Ende (Fuß) mit einer Schleife geschrieben werden (ch, h, m, s, sch)
  • ein Vokal zwischen Konsonanten
    • wird nicht durch ein eigenes Zeichen, sondern
      • durch die Länge der Verbindung zwischen den Konsonanten und
      • die vertikale Position des folgenden Konsonanten ausgedrückt.
    • Länge der Verbindung:
      • kein Vokal = kein Abstand lt
      • “e” = normaler Abstand let
      • “u” = weiter Abstand lut
    • Vertikale Position: die Grundlinie des folgenden Konsonanten ist bei normalem Abstand
      • für “ö” = 2 Stufen höher löt (weiter Abstand: eu, äu, oi)
      • “a” = 1 Stufe höher lat (weiter Abstand: ei, ai)
      • “e” = selbe Stufe let (weiter Abstand: u, au)
      • “i” = 1 Stufe tiefer lit (weiter Abstand: o)
    • “ä”, “ü”, “au” können jeweils von “e”, “i”, “u” durch einen darunter geschriebenen Punkt unterschieden werden: lät_lüt_laut
  • ein Vokal allein oder am Wortanfang beginnt auf der Grundlinie und wird in derselben Form wie vor einem einstufigen Konsonanten geschrieben (also von unten 1 bis 3 Stufen nach oben oder auf der gleichen Ebene): öl_al_el_il
  • ein Vokal am Wortende wird in derselben Form wie vor einem einstufigen Konsonanten geschrieben (von der Endposition des vorhergehenden Konsonanten aus): tö_ta_te_ti
  • aufeinander folgende Vokale werden durch ein spezielles Zeichen (sieht aus wie “c” in der Langschrift) getrennt: beenden
  • Konsonantenfolgen (wie “cht” oder “nt”) werden einzeln geschrieben bei der Verbindung einer Vorsilbe mit dem Wortstamm und bei Wortzusammensetzungen: nacht-zug, aber nach-tisch; unter-stehen, aber un-ta-de-lig.

Weblinks zur Stiefografie

Weblinks zur Stenografie

Literatur

  • Hanns Kaus: Stenografie im Selbstunterricht, Falken-Verlag 1996 (damit hatte ich es versucht…)
  • Matthias Kuhn: Rechnerbasierte Generierung von Stenografik; Universität Ulm; 2003; Diplomarbeit (zitiert in S. J. Sarman: DEK-Verkehrschrift mit METAFONT und LATEX; s.o.)

(aktualisiert 2017-04-15)