Buch: Vergib mir Natascha

“Steeb, was liest Du denn da?” fragte mein Mathelehrer missbilligend. Ich saß in der Mittagspause auf einer Bank bei der Schule und las ein Buch mit dem Titel “Vergib mir Natascha”. Der Titel kam ihm komisch vor!

Das war in den 80-er Jahren am Parler-Gymnasium in Schwäbisch Gmünd. “Vergib mir Natascha” von Sergei Kourdakov, erschienen im Felsenverlag Frankfurt/Main im Jahr 1975, handelt von verfolgten Christen in Russland. Das Buch schildert die Kindheit und Jugend von Sergei Kourdakov, einem glühenden Kommunisten und brutalen Christen-Schläger. Eine abstoßende Feier mit hohen Parteifunktionären und die Beharrlichkeit einer jungen, mehrfach schwer misshandelten Christin aus der Ukraine – Natascha – bringen sein Lebensbild ins Wanken.

Frühjahr 2015: in unserer Familien-Leserunde an den Abenden am Wochenende lasen wir das Buch gemeinsam. Die eindrücklichsten Stationen trug ich im Gebetskreis am Arbeitsplatz vor. Wir begeben uns auf eine Reise….

Reisen bildet! Wir reisen nach Russland in den 1950-er Jahren. Es ist Nacht. Männer klopfen an einem Haus. Ein Mann wird herausgezerrt. Er kommt fort. Zurück bleiben seine Frau und das 4-jährige Kind: Sergei Kourdakov.

Der Vater hatte mit aller Kraft dem Kommunismus unter Stalin gedient. Dann aber kam Chruschtschew an die Macht – der Vater “verschwand einfach”.

Bei Adoptiveltern bringt ein psychisch gestörter älterer “Bruder” Sergei fast um. Sergei reisst aus, schlägt sich mit Diebstahl durch und landet im Kinderheim. Im Heim gibt es Waisenkinder und Kinder, die man den Eltern aufgrund ihrer religiösen oder politischen Haltung weggenommen hat. Die Tanten und Onkels im Heim haben den Auftrag, “kleine Kommunisten” heranzuziehen.

Heime… sind nichts weiter als Produktionsstätten, die die Kommunisten von morgen zu liefern haben. Vor der Propaganda gab es kein Entfliehen. Riesige Plakate und Spruchbänder in gelber Schrift auf rotem Untergrund leuchteten aus jeder verfügbaren Ecke:
“Wir werden den amerikanischen Imperialismus besiegen!”
“Unsere Hilfe gilt dem Volk in Vietnam!”
“Lang lebe Frieden, Freiheit und Brüderlichkeit!”
“Proletarier aller Länder, vereinigt euch!”
Diese Parolen hingen in allen Kinderheimen, wo immer ich auch lebte. Sie fielen einem überall ins Auge. Sie hingen in den Schlafräumen, Aufenthaltsräumen, Esszimmern und Waschräumen, prangten an den Außenwänden oder an Zäunen, kurz, an allem, wo es nur irgendwie möglich war. Gedanken wie “Wir werden den amerikanischen Imperialismus besiegen!” brannten sich in mein Gedächtnis, bis sie ein Teil von mir geworden waren. (S. 55)

Fast jeden Morgen begann der Lehrer den Unterricht mit den Worten: “Guten Morgen, Kinder. Denkt daran, es gibt keinen Gott.” Ich dachte, sie müssen ja große Angst davor haben, dass wir etwas von Gott lernen, wie oder was immer Gott auch sein mag. (S. 56)

Eines Tages kam der Direktor zu mir und sagte: “Kourdakov, ich möchte, dass du in den unteren Klassen über den Kommunismus sprichst.” “Gern”, erwiderte ich, indem ich mir dieser großen Ehre voll bewusst war. (S. 75)

Sergei leitet die kommunistische Jugendgruppe; sie wird die beste im Distrikt Nowosibirsk. Er wird Offiziersanwärter der Marineakademie in Leningrad. Dorthin unterwegs betet er in Moskau zum Gründer seiner “Religion”: “Hilf mir, Vater Lenin.”

1968 in der Marineakademie in Petropawlosk am Pazifik: die Geheimpolizei macht Sergei zum Leiter einer Aktionsgruppe für besondere Aufträge. Solche Gruppen entstehen im ganzen Land. Jedes Mitglied der Gruppe bekommt pro “Auftrag” 25 Rubel – über 3 Monatsgehälter! Der Schlägertrupp aus Boxern und Judomeistern bekämpft die religiozniki, die Gläubgien:

“diese Gläubigen töten die Seele und den Geist unseres sowjetischen Volkes und verbreiten ihren vergiftenden Glauben an Tausende.” (S. 122)

Spitzel verraten die Treffpunkte der Gläubigen. Die Spitzel werden noch besser bezahlt als die Schläger, denn sie werden mit verprügelt. Geschätzt über 10% der Bevölkerung gehören zu den Gläubgen.

Bei einem Parteitag trifft Sergei den Genossen Orlow – einen der 200 obersten Führer der Sowjetunion. Nach viel Wodka nimmt Orlow ihn in den besonderen Raum der Führer mit. Dort sieht es aus wie im Saustall. Im Suff verflucht Orlow den “Bastard Stalin”. Sergeis Idealismus bricht zusammen. Doch sein Motto bleibt: Vorankommen!

Ein Einsatz läuft so:

Nichts in dem Haus – ob Menschen oder Einrichtungsgegenstände – entging unserer Zerstörungswut. Wir zertrümmerten alles, was uns unter die Hände kam. Wer sein Haus zu einem geheimen Treffen für Gläubige zur Verfügung stellte, musste damit rechnen, dass er alles verlor, was er besaß. In Minuten war das Haus in ein Tollhaus verwandelt worden – Tische, Stühle, Geschirr, alles war zertrümmert und lag im Raum verstreut umher. Unter den Trümmern lagen halb verdeckt die Gläubigen, einige bewusstlos und die anderen in unsäglichen Schmerzen.

Ich sah, wie Viktor Metwejew nach einem jungen Mädchen griff, das in einen anderen Raum flüchten wollte. Es war ein wunderschönes junges Mädchen. Was für eine Verschwendung, dachte ich. Viktor fing sie ab, hob sie über seinen Kopf und hielt sie einen Augenblick hoch in der Luft. Sie flehte: “Bitte, bitte nicht. Lieber Gott, hilf uns!” Viktor warf sie mit voller Wucht gegen die Wand. Stöhnend und halb bewusstlos fiel sie auf den Boden. (S. 171)

Drei Abende später beim nächsten Einsatz – dasselbe Mädchen! Sergei persönlich schlägt sie wund. Sie heißt Natascha.

Bei einer dritten Razzia treffen sie Natascha schon wieder. Dort springt einer der brutalsten Schläger ein und beschützt sie:

“Sie hat etwas, was wir nicht haben! Niemand rührt sie an! Niemand!”

Natascha zieht zurück in die Ukraine.

Sergei rettet sich ein paar Blätter einer Bibel vor dem wärmenden Feuer im Keller. Er liest sie heimlich und staunt:

“jedenfalls kein staatsfeindliches Material. Da wurde beschrieben, wie man ein besserer Mensch würde und dass man denen, die einem Unrecht tun, vergeben sollte… Ich konnte [diese Worte] nicht wieder loswerden. (S. 197)

So kommt es zur letzten Razzia:

Nahe einer Wand sah ich eine alte Frau. Die Angst stand ihr im Gesicht, und ihre Lippen zitterten im Gebet. Ich konnte wegen des Lärms nicht hören, was sie sagte. Aber dass sie betete, brachte mich noch mehr in Wut, ich sprang auf sie zu und hob meinen Stock, um ihr einen Schlag zu versetzen. Plötzlich sah sie mich mit erhobenem Arm vor sich stehen, bereit, den Gummiknüppel auf sie niedersausen zu lassen, und sie betete laut heraus. Mehr aus Neugier als alles andere hörte ich für einige Sekunden zu, was sie sagte. Und da hörte ich die Worte: “O Gott, vergib diesem jungen Mann. Zeig ihm den wahren Weg. Öffne seine Augen und hilf ihm. Vergib ihm, o Gott.”

Ich begann, meine Fassung zu verlieren. Warum betet sie nicht um Hilfe für sich selbst – anstatt für mich! Sie ist dabei, von mir erledigt zu werden. Ich war wütend darüber, daß sie, ein Niemand, für mich, Sergei Kourdakov, den Führer der kommunistischen Jugendliga, betete. In einem Anfall von Wut packte ich meinen Stock fester und hatte die Absicht, ihn auf ihren Kopf niederzuschmettern. Ich wollte ihr einen solchen Schlag versetzen, der sie töten würde. Ich holte aus, doch plötzlich passierte die merkwürdigste Sache. Jemand ergriff mein Handgelenk und riss es zurück. Ein Schreck durchfuhr mich, denn es war schmerzhaft. Es war keine Einbildung. Es war ein Druck um mein Handgelenk, der tatsächlich weh tat.

Ich dachte im ersten Moment, es sei einer der Gläubigen, und wandte mich um, um ihm einen Schlag zu versetzen. Doch es war niemand da!!

Ich schaute hinter mich. Niemand konnte meinen Arm festgehalten haben. Und doch hatte mich jemand gepackt. Ich fühlte noch den Schmerz. Ich stand da wie unter einem Schock. Das Blut stieg mir zu Kopf. Mir wurde heiß, und Entsetzen kam über mich. Ich konnte es nicht fassen. Es war so unwirklich, so verwirrend. Dann vergaß ich alles. Ich ließ meinen Knüppel fallen und rannte nach draußen. Das Blut raste in meinem Kopf, und Tränen begannen über mein Gesicht zu strömen. (S. 205)

Einige Zeit später flieht Sergei von einem sowjetischen Schiff, auf dem er als Funkoffizier arbeitet. 5 Stunden lang schwimmt er in einem schweren Sturm, bis er Kanada erreicht.

Nach gefährlichen Wirren darf Sergei in Kanada bleiben. Er sucht Gott. Während eines Gottesdienstes sagt der der Pastor:

“Sergei, bist du bereit, dein Leben ganz und gar Gott zu übergeben?”
“Ja”, erwiderte ich.
“Dann lass uns zusammen beten”, sagte er.

Und während wir beteten, geschah etwas in meinem Leben – etwas Endgültiges, Konkretes und Wunderbares. Ich fühlte plötzlich den Frieden Gottes in mir, und ich wusste, daß meine Suche nach dem neuen Leben vorüber war.

Ich übergab es Jesus Christus, und Er trat in mein Leben. An diesem wundervollen Tag wurde ich neu geboren, und die innere Leere wurde von Ihm gefüllt. Der Gedanke war wunderbar, dass ich jetzt auch dazugehörte, neben Natascha, Pastor Litowtschenko und den anderen Gläubigen, die ich verfolgt hatte. Jetzt war ich einer von ihnen! (S. 227-228)

Sergei hielt Vorträge und informierte über die Situation der Gläubigen in Russland. Am 1.1.1973 starb er duch eine Kugel aus seiner Pistole; sein Tod wurde nach einer Untersuchung als Unfall erklärt.

Jesus Christus hat sein Leben für unsere Sünden hingegeben und hat uns davon befreit, so leben zu müssen, wie diese vergängliche, vom Bösen beherrschte Welt. Damit erfüllte er den Willen Gottes, unseres Vaters. Ihn wollen wir in alle Ewigkeit loben und ehren. Das ist gewiss! Amen.
Die Bibel, Galater 1,4+5