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Das Ohr am Boden

Karfreitag

Bei einem Angriff gegen einen Beamten gab es gestern abend eine schwere Verletzung. In einer nicht angemeldeten Menschenansammlung vor der Stadt griff ein Fundamentalist einen Hüter der Ordnung an.

Mehrere Zeugen berichten von Ausschreitungen jüdischer Extremisten gegen Ordnungshüter. Ein Beamter wurde schwer am Kopf verletzt. Berichte, nach denen es sich nur um eine harmlose Verletzung gehandelt habe (manche Beobachter sprachen von einer “spektakulären Heilung”), konnten noch nicht bestätigt werden. Die Versammlung wurde aufgelöst, der Rädelsführer wurde festgenommen. Die Vernehmungen dauern bis zur Stunde an.

So oder ähnlich könnte es vor 2000 Jahren in der Jerusalemer Presse gestanden haben. Ganz handgreiflich ging es um ein Ohr, und von Hand gegriffen wurde anschließend Jesus. Lesen wir in einer zuverlässigen Quelle:

Einer von den Jüngern zog auch gleich das Schwert
und schlug auf einen Soldaten des Hohepriesters ein.
Er hieb ihm das rechte Ohr ab.
Aber Jesus befahl: “Hört auf damit!”
Er berührte das Ohr des Mannes und heilte ihn.
Die Bibel, Lukas-Evangelium Kapitel 22, Verse 50+51

Dieses Ohr zeigt uns die Bedeutung von Ostern!

Glaubwürdig?

Manche werden sich nun abwenden und einwenden: “wieso sollte ich dieser Quelle Glauben schenken? Wer sagt, dass diese Geschichten nicht alle erfunden sind?” Im naturwissenschaftlichen Sinn beweisbar durch Wiederholung ist dieses historische Ereignis nicht. Auch die Existenz von Julius Cäsar oder die Mondlandung sind in diesem Sinn nicht beweisbar.

Glaubwürdig erscheint mir das Ereignis schon dadurch, dass dieser Vorgang in der Bibel so unverblümt berichtet wird. Im Johannes-Evangelium wird der schlagkräftige Jünger beim Namen genannt: Petrus! Können wir behaupten, der Schreiber dieses Berichts war voreingenommen und hat die Geschichte erfunden? Hätte er dann Petrus, die Stütze der ersten Gemeinde, so direkt bloßgestellt? In der heutigen Zeit würde ein voreingenommener Berichterstatter das zumindest nicht tun – weder in Rom, Berlin, Moskau noch in Washington…

Die besondere Haltung Jesu

Jesus ist in Lebensgefahr – die Größen seiner Zeit wollen ihn aus dem Weg schaffen. Seine Gefangennahme droht. Da bekommt er Hilfe von seinen Freunden. Ein Gegner wird verletzt. Jesus weist die Hilfe zurück, er heilt den Gegner. Jesus sucht nicht seinen Vorteil. Er versucht nicht, sein Leben zu retten. Er hilft seinem verletzten Feind; er heilt den Soldaten, der vielleicht wenig später hilft, Jesus zu kreuzigen!

An diesem Bericht wird sichtbar: Jesus lebt nicht für sich selbst, er lebt für andere. Er ist selbst-los. Jesus stirbt nicht für sich selber, er stirbt für andere. Diese Haltung wächst nicht aus unserem menschlichen Wesen, sie kommt von Gott:

Gott ist Liebe.
Die Bibel, 1. Brief des Johannes, Kapitel 4, Vers 10

Was kann ich heute damit anfangen?

Aus menschlicher Sicht können wir mit dieser Haltung wenig anfangen. Ich erinnere mich dunkel an Erklärungsversuche im Religionsunterricht (vor über 30 Jahren). Wenn mir einer auf die eine Backe schlägt, soll ich die andere auch hinhalten. Wie kann man das erklären? Was ist damit wohl gemeint? Ist es sozial sinnvoll, weil es den Kreislauf des Bösen unterbricht? Diese Erklärungsversuche haben ihre Berechtigung. Aber sie werden mich nicht selber zu dieser Haltung bringen!

Zu dieser Haltung bringt uns Jesus, wenn wir seinem Beispiel “nachfolgen”: unser Leben in Gottes Hand legen (dort haben wir es schließlich auch her), uns selber loslassen, uns ihm anvertrauen (das bedeutet “glauben”). Die Bibel erklärt, dass Gott uns dann eine neue Haltung, ein “neues Herz” schenkt. Von Ihm kommt es, wenn wir einen Feind mit den Augen Gottes sehen können. Von Ihm kommt es, wenn wir auf unser Recht und unsere Verteidigung verzichten können. Von Ihm kommt es, wenn unsere eigenen Fehler vergeben sind und uns nicht länger in der falschen Spur weiterführen. Es kommt und bleibt nicht, wenn wir uns ernsthaft bemühen. Es kommt, wenn wir die Dinge mit anderen Augen sehen, wenn wir ein anderes Fundament haben, eine andere Einstellung, eine neue Motivation – ein “neues Herz”.

Kurz vor seiner Verhaftung bekam Jesus Besuch von Ausländern, die ihn kennen lernen wollten. Er erklärte ihnen dieses Geheimnis so:

Wer sein Leben über alles liebt, der wird es verlieren.
Wer aber bereit ist, sein Leben
vorbehaltlos für Gott einzusetzen,
wird es für alle Ewigkeit erhalten.
Die Bibel, Johannes-Evangelium, Kapitel 12, Vers 25

Das ist die göttliche Liebe. Ich wäre nie darauf gekommen. Diese Liebe zeigt sich an dem angeheilten Ohr. Sie zeigt, worauf es für uns an Karfreitag, Ostern und danach ankommt.